Rückwirkend werden seit dem 18. Jahrhundert, industrielle
Institutionen als funktionsorientierte Organisationen bezeichnet.
Ausgangspunkt ist die Begründung der modernen Volkswirtschaftslehre
durch den Nationalökonom des britischen Empires, Adam Smith (1870).
Kernpunkt ist die Arbeitsteilung und Spezialisierung und wird daher
als "erstes industrielles Paradigma" bezeichnet. In den Manufakturen
auf den britischen Inseln Ende des 18. Jahrhunderts, wurde die
Arbeitsteilung eingeführt. Von nun an stellte ein Arbeiter nicht mehr
einen Schuh her, sondern er spezialisierte sich auf die Fertigung von
Sohlen, ein anderer auf das zusammennähen der Lederteile bis hin zum
Verpacken der Schuhe.
Perfektioniert und wissenschaftlich erarbeitet, wurde die
Arbeitsteilung der ausführenden und kontrollierenden Tätigkeiten von
Frederick Winslaw Tayler (1856-1915).
Der Taylorismus, wie ein Teil der funktionsorientiert organisierten
Industrie genannt wird, brachte dem Verbraucher enorme Vorteile.
Durch die Entstehung der Massenproduktion und der damit verbundenen
sehr hohen Produktivitätssteigerungen, wurden viele Güter zu
Gebrauchsgegenständen und somit für den Kunden erschwinglich. Die
Einführung von Arbeitsteilung und Spezialisierung wird auch zusammen
mit dem Beginn der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert
genannt.
Als Referenzbeispiel des Taylorismus, dienen die Fordwerke Anfang des
20. Jahrhunderts in Detroit (USA). Neben der Arbeitsteilung und
Spezialisierung, führte Ford die Fließbandarbeit zur Produktionen von
Automobilen ein.
Nebenher bemerkt, zahlte Ford seinen Arbeitern einen für damalige
Verhältnisse überdurchschnittlichen Lohn, sein Credo war, ein von ihm
produziertes Auto muss sich auch ein Arbeiter leisten können.
Ford war der erste Hersteller von Autos, welche in Massenproduktion
gefertigt wurden. Alle Automobilhersteller die Bedeutung erlangen
sollten, folgten dem Beispiel von Ford. Auch in anderen
Industriezweigen, wo die Vorrausetzungen für Arbeitsteilung und
Fließbandfertigung gegeben waren, wurden sie auch eingeführt.
In dem Stummfilmklassiker von Charlie Chaplin (1889-1977) "Moderne
Zeiten" von 1936 (Modern Times), übt Chaplin, bereits in den 30iger
Jahren des letzen Jahrhunderts, unbewusst Kritik an der
funktionsorientierten Organisation.
"Es ist eine Satire auf die seelenlose Fliessbandwelt der "modernen
Zeiten", die mit Henry Ford begann und das Zeitalter der Massen
einläutete. Als Symbol der Rationalisierungsbestrebungen der
Arbeitswelt jener Jahre." (1)
Dieser Kritikpunkt bezieht sich wie eingangs erwähnt auf die von
Binner genannte Humanität, also die Arbeitsbedingungen. Dies ist nur
ein Punkt der vor allem japanische Firmenlenker zum Umdenken bewegte.
In den Nachkriegsjahren des zweiten Weltkrieges, herrschte ein
Käufermarkt. Es konnte nicht genügend produziert werden. Aus heutiger
Sicht fast schon paradox, es fehlte sogar an Arbeitskräften, so konnte
die Produktion nicht ausgeweitet werden. Nur durch die Anwerbung von
Gastarbeiten in den Zeiten des Wirtschaftswunders, konnte die
Produktion erweitert werden. Ende der 60iger Jahre waren die Zeiten
der Hochkonjunktur vorbei.
In den 80er Jahren sahen sich die Unternehmen einem neuen, bisher
unbekannten Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Das Einbrechen vornehmlich
asiatischer Produzenten in traditionell von deutschen Firmen
dominierte Industriebereiche, wie z.B. Automobile,
Unterhaltungselektronik und Optik, führte zu großen strukturellen
Problemen. Dabei konnten die Konkurrenten technologisch gleich- oder
höherwertige kundengemäße Produkte in sehr guter Qualität zu einem
günstigen Preis anbieten. Als Gründe für die fehlende
Konkurrenzfähigkeit deutscher und europäischer Produzenten wurden
häufig unternehmerische Versäumnisse bei der Beseitigung starrer
betrieblicher Organisationsformen und wenig innovative Produkte in
stagnierenden Märkten sowie eine allgemein ungünstige Kostenstruktur
genannt.
Die deutschen Unternehmen versuchten mit traditionellen
betriebswirtschaftlichen Maßnahmen ihre Situation zu verbessern:
. Senkung der Lohnstückkosten durch Rationalisierung und Kauf neuer
Maschinen,
. Verlagerung eines Teils oder des ganzen Unternehmens in Länder mit
günstigen Rahmenbedingungen,
. Verkauf des Unternehmens bzw. Schließung,
. Investition in neue Verfahren zur Sicherung der Produktqualität
und/oder
. Intensivierung der Vertriebsaktivitäten.
Die Durchführung dieser Maßnahmen brachte aber nicht den erwarteten
Erfolg: Für eine stärkere Automation der Betriebe wurden hohe
Investitionen notwendig, was insbesondere in mittelständischen
Betrieben mit einer dünnen Kapitaldecke die bestehenden Probleme noch
verstärkte.
Auch ist mit einem hohen Automationsgrad meist eine sinkende
Flexibilität hinsichtlich der Kundenwünsche verbunden, da nur noch
standardisierte, über eine lange Zeit unveränderte Produkte
wirtschaftlich zu fertigen sind.
Bereits die Ankündigung der Freisetzung von Mitarbeitern führte in
vielen Unternehmen zu freiwilliger Kündigung gerade der
leistungsfähigen Mitarbeiter. Freisetzungen selbst wurden
sozialverträglich gestaltet, was zu Entlassungen junger, gut
ausgebildeter und motivierter Mitarbeiter führte. In einem späteren
Kapitel wird auf die Defizite der funktionsorientierten Organisation
noch detaillierter eingegangen.
Eine neue Sichtweise entstand, das "zweite industrielle Paradigma",
die prozessorientierte Organisation. Als Vorreiter gelten die
japanischen Unternehmen Ende der 80iger Jahre, deshalb in der
Literatur auch oft Toyota Paradigma genannt.
Mit ihrer Veröffentlichung des Buches "Reenergineering the
Corporation" 1993 haben Hammer und Champy eine Rationalisierungswelle
ausgelöst und die Prozessorientierung in Unternehmen populär gemacht.
In der funktionalen Organisation ist die Verantwortlichkeit auf
einzelne Bereiche beschränkt. Die Bereichsverantwortlichen können
aufgrund des begrenzten Wissens über andere Bereiche, der fehlenden
Zusammenhänge und aufgrund nicht vorhandener Befugnis nur ihre eigenen
Bereiche optimieren. Die Schnittstellenproblematik zwischen den
Bereichen bleibt jedoch gleich. Zusätzlich kommen noch
unterschiedliche, oft widersprüchliche, Ziele der einzelnen Bereiche
hinzu. (2)
In einer prozessorientierten Organisation ist die Verantwortlichkeit
über den gesamten Prozess gegeben. Daher ist es möglich den gesamten
Prozess zu optimieren und die Schnittstellenproblematik zu minimieren.
Schlagworte dieses neuen Ansatzes sind unter anderem
Kundenorientierung, Mitarbeiterorientierung und Prozessorientierung.
In einem späteren Abschnitt wird auf die prozessorientierte
Organisation noch ausführlicher eingegangen.
Quellen:
(1) Louis Gerber, Quelle: Internetpublikation: http://www.cosmopolis.ch/cosmo17/modernezeiten.htm
(2) Kühlewein und Ziebritzki, IT-Fortbildung, Geschäftsprozesse,
Referat für Lehrerfortbildung
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg,
www.lehrerfortbildung-bw.de/itberufe/kap_1/index.html