|
Vorwort
Einführung PKM
Grundlagen
Begriffe der PKR
Durchführung PKR
Anwendungsgebiete Kalkulation
DB-Rechnung
Gemeinkosten- management
Prozess- optimierung
Reengineering
Outsourcing
KVP
Work-Flow
Balanced Scorecard
Supply Chain Management |
|
Prozessorientierte Kalkulation
Ist eine Prozesskostenrechnung
durchgeführt worden, stellt sich die Frage, wie mit den analysierten
Prozessen und ermittelten Prozesskostensätzen weiter verfahren
werden soll.
Im Anwendungsfall der Produktkalkulation wird der größte Vorteil der
Prozesskostenrechnung gesehen. Hier erhebt die Prozesskostenrechnung
den Anspruch, die Gemeinkosten verursachensgerechter auf die
Kostenträger zu verrechnen, als die traditionelle
Zuschlagskalkulation mit Hilfe von Gemeinkostenzuschlagssätzen . (1)
Neben der Maschinenstundensatzkalkulation wird bei Betrieben mit
Serien- oder Auftragsfertigung häufig die Zuschlagskalkulation
angewandt. Kennzeichnend für solche Betriebe ist ein mehrstufiges
Fertigungsprogramm mit laufenden Lagerbestandsveränderungen. Bei der
summarischen Zuschlagskalkulation als Kalkulationsverfahren der
Kostenträgerstückrechnung werden die gesamten Gemeinkosten als Block
mittels eines prozentualen Zuschlagssatzes auf die Kostenträger
zugerechnet. (2)
Bei der Ermittlung des Gemeinkostenzuschlagssatzes wird der
prozentuale Anteil der Gemeinkosten an den gesamten Einzelkosten
ermittelt.
∑ Gemeinkosten/ ∑ Einzelkostenx 100 = Zuschlagssatz
Diese vereinfachte Relation von Gemeinkosten zur Zuschlagsbasis der
Einzelkosten unterstellt ein proportionales Verhalten der
Gemeinkosten zu den Einzelkosten. Durch den hohen Fixkostenanteil in
den Gemeinkosten ist dieses Verfahren, gerade bei unterschiedlicher
Kapazitätsauslastung, realitätsfern.
Daher wird in der betrieblichen Praxis häufig die differenzierende
Zuschlagskalkulation angewandt. Die einzelnen Gemeinkosten werden
hier nicht mit den gesamten Einzelkosten ins Verhältnis gesetzt,
sondern differenziert nach Betriebsbereichen . (3)
So ergeben sich die typischen Gemeinkostenbereiche, die als Basis
für Gemeinkostenzuschlagssätze verwendet werden und wie folgt
ermittelt zu ermitteln sind:
Materialgemeinkosten x 100 =
Materialgemeinkostensatz Fertigungsmaterial
Fertigungsgemeinkosten x 100 =
Fertigungsgemeinkostensatz
Fertigungslohn
Verwaltungsgemeinkosten x 100 =
Verwaltungsgemeinkostensatz
Herstellkosten
Vertriebsgemeinkosten x 100 = Vertriebsgemeinkostensatz
Herstellkosten
Die so ermittelten prozentualen Gemeinkostenzuschlagssätze werden
dann für die Verrechnung der Gemeinkosten auf einzelne Kostenträger,
z.B. für die Ermittlung eines Angebotspreises, verwendet.
Die
folgende Tabelle zeigt ein vereinfachtes Kalkulationsschema: (4)
|
Material-Einzelkosten
+ Materialgemeinkosten |
Materialkosten |
Herstellkosten |
Selbstkosten |
|
Fertigungslohn-Einzelkosten I + Fertigungs- gemeinkosten
I |
Fertigungskosten |
|
Fertigungslohn-Einzelkosten II + Fertigungs-
gemeinkosten II |
|
+ Verwaltungsgemeinkosten |
|
+ Vertriebsgemeinkosten |
|
+ Sondereinzelkosten des
Vertriebs |
Dieses
Verfahren der Zuschlagskalkulation unterstellt einen funktionalen
Zusammenhang zu den beanspruchten Ressourcen und den angefallenen
Gemeinkosten eines bestimmten Bereiches, z.B. zwischen
Materialgemeinkostenkosten und Material-Einzelkosten. Befürworter
der Prozesskostenrechnung sehen in diesen
Gemeinkostenzuschlagssätzen das größte Defizit der traditionellen
Zuschlagskalkulation. Die Kalkulation erfolgt unter der Annahme,
dass die Gemeinkosten immer den gleichen prozentualen Anteil an den
Einzelkosten haben. Die Verschleierung der zugerechneten
Gemeinkosten bei der Kostenträgerstückrechnung wird bei exotischen
Produkten, Rennerprodukten oder Pennerprodukten deutlich, da die
Unternehmensbereiche unterschiedlich intensiv in die verschiedenen
Produktkategorien eingebunden sind. So werden Produkte mit geringen
Stückzahlen durch größere Serien mitfinanziert. Mit Hilfe der
Prozesskostenrechnung soll der unterschiedlichen Beanspruchung
einzelner Produkte von Ressourcen Rechnung getragen werden. Es wird
davon ausgegangen, dass die Gemeinkosten aus den indirekten
Bereichen wie Verwaltung und Vertrieb nicht nach dem
Verursacherprinzip sondern nach dem Beanspruchungsprinzip auf die
Kostenträger verrechnet werden. (5)Die Kalkulation mit Prozesskosten
ersetzt nicht die Zuschlagskalkulation sondern ergänzt diese, in dem
die prozentualen Zuschlagssätze durch Prozesskosten ausgetauscht
werden.
Relevant sind bei der Ergänzung des Kalkulationsschemas mit
Prozesskosten wie oft ein Kostenträger bestimmte Prozesse
durchläuft.
Die prozessorientierte Kalkulation soll an einem stark vereinfachten
Beispiel erläutert werden.
Modellannahme:
Produkt A benötigt nur Rohstoff 1 und Produkt B die Rohstoffe 2 bis
6 (also 5 verschiedene Rohstoffe). Die Fertigungsgemeinkosten wurden
mit Maschinenlaufzeiten ermittelt und sind in den Fertigungskosten
enthalten. Die Rohstoffe werden über mehrere Lieferanten beschafft.
Beide Produkte werden jeweils einmal herge-tellt. Die
Materialgemeinkosten ergeben sich nur aus der Beschaffung und
Lagerung von Rohstoffen. Aus Vereinfachungsgründen wurden
Verwaltungsgemeinkosten, Fertigungsgemeinkosten und weitere
Zuschläge vernachlässigt. Die Vertriebsgemeinkosten resultieren aus
dem Außendienst und der Auftragsabwicklung, wobei durch den
Außendienst jeweils ein Auftrag für Produkt A und Produkt B
ausgelöst wurde. Unter diesen Bedingungen sollen die traditionelle
Zuschlagskalkulation und die prozessorientierte Kalkulation
gegenübergestellt werden.
Für die Zuschlagskalkulation wurden die Materialgemeinkosten mit 10%
der Materialeinzelkosten und die Vertriebsgemeinkosten mit 12 % der
Herstellkosten auf die Produkte weiter verrechnet. Die
Materialprozesskosten betragen pro Vorgang „Beschaffung Rohstoff“
5,- Euro, und beinhalten die Teilprozesse „Rohstoff disponieren„,
Rohstoff annehmen“, „Rohstoff einlagern“. Die Vertriebsprozesskosten
setzen sich aus den Teilprozessen „Kunde besuchen“, „Auftrag
auslösen“, Ware kommissionieren“, „Ware versandfertig machen“
zusammen und betragen 60,- Euro.
Tabelle 1: Beispiel Produktkalkulation mittels Zuschlagskalkulation
|
|
Produkt
A: |
Produkt
B: |
|
Materialeinzelkosten |
|
|
|
Rohstoff
1 |
100 |
|
|
Rohstoff
2 |
|
10 |
|
Rohstoff
3 |
|
30 |
|
Rohstoff
4 |
|
5 |
|
Rohstoff
5 |
|
25 |
|
Rohstoff
6 |
|
10 |
|
∑
Materialeinzelkosten |
100 |
80 |
|
Materialgemeinkosten
10 % |
10 |
8 |
|
Materialkosten |
110 |
88 |
|
Fertigungskosten |
80 |
90 |
|
Herstellkosten |
190 |
178 |
|
Vertriebsgemeinkosten 12 % |
23 |
21 |
|
Selbstkosten |
213 |
199 |
Tabelle 2: Beispiel prozessorientierte
Kalkulation
|
|
Produkt
A: |
Produkt
B: |
|
Materialeinzelkosten |
|
|
|
Rohstoff 1 |
100 |
|
|
Rohstoff 2 |
|
10 |
|
Rohstoff 3
|
|
30 |
|
Rohstoff 4 |
|
5 |
|
Rohstoff 5 |
|
25 |
|
Rohstoff 6 |
|
10 |
|
∑
Materialeinzelkosten |
100 |
80 |
|
Materialprozesskosten |
5 |
25 |
|
Materialkosten |
105 |
105 |
|
Fertigungskosten |
80 |
90 |
|
Herstellkosten |
185 |
195 |
|
Vertriebsprozesskosten |
60 |
60 |
|
Selbstkosten |
245 |
255 |
Tabelle 3: Allokationseffekt
Zuschlagskalkulation und prozessorientierter Kalkulation
|
Zuschlagskalkulation |
213 |
199 |
|
prozessorentierte Kalkulation |
245 |
255 |
|
Differenz |
32 |
56 |
Durch die Gegenüberstellung beider Kalkulationsverfahren, können die
in der Literatur beschriebenen Effekte der Prozesskostenrechnung
dargestellt werden. Es handelt sich um den Allokationseffekt,
Komplexitätseffekt sowie den Degressionseffekt. (6)
Der Allokationseffekt macht die Verzerrung der Gemeinkosten
bei der Zurechnung auf den Kostenträger deutlich. Sichtbar wird
dieser Effekt, wenn beide Kalkulationsverfahren gegenübergestellt
werden. Die Differenz (Wie in Tabelle 3 abgebildet.) stellt das
Ausmaß des Allokationseffektes dar. Dieser zeigt, dass sich die
Gemeinkosten typicherweise nicht proportional zur Zuschlagsbasis
verhalten. Im Beispiel der Zuschlagskalkulation sind bei Produkt A
höhere Materialgemeinkosten ausgewiesen, als im Beispiel der
prozessorientierten Kalkulation. Der mit 10 € veranschlagte
Materialgemeinkostenanteil in der Zuschlagskalkulation resultiert
aus dem Zuschlagssatz von 10 %, dem gegenüber werden in der
prozessorientierten Kalkulation nur 5 € für Materialgemeinkosten
verrechnet. Für die Herstellung von Produkt A wird nur ein
Beschaffungsvorgang benötigt und somit der Hauptprozess „Beschaffung
Rohstoff“ nur einmal durchlaufen, wogen bei Produkt B fünf
verrechnet werden. Bei der Zuschlagskalkulation waren die
ermittelten Selbstkosten für Produkt A höher als bei Produkt B, so
ist es bei der prozessorientierten Kalkulation umgekehrt.
Der Komplexitätseffekt beschreibt die Produktvielfalt in
ihren Ausprägungsvarianten und der damit verbundenen
Produktkomplexität. Bei der Herstellung von komplexeren Produkten
entsteht gegenüber Standardprodukten ein höherer Bedarf an
gemeinkosenverursachenden Aktivitäten wie z.B. Materialdisposition,
Produktionsvorbereitung oder Qualitätssicherung. Das Beispiel in den
obigen Tabellen zeigt, dass Produkt A nur einen Rohstoff dagegen Produkt B
5 Rohstoffe benötigt und somit komplexer ist. Somit kann unterstellt
werden, dass Produkt B eine höhere Prozessinanspruchnahme aufweißt,
z.B. in der Beschaffung der Rohstoffe. Die prozessorientierte
Kalkulation trägt dem Umstand des komplexeren Produktes Rechnung. In
der Zuschlagskalkulation kann die höhere Inanspruchnahme von
Prozessen nicht abgebildet werden.
Insofern werden Produkte mit hoher Komplexität mit zu wenig mit
Gemeinkosten und im Gegenzug weniger komplexe Produkte mit zu hohen
mit Gemeinkosten kalkuliert.
Der Degressionseffekt wird deutlich, wenn man betrachtet,
dass verschiedene Produkte in unterschiedlichen Mengen hergestellt
und abgesetzt werden. Dabei wird unterstellt, dass größere
Auftragsmengen bestimmte Prozesse unterproportional beanspruchen.
Während bei der traditionellen Zuschlagskalkulation die Gemeinkosten
prozentual pro Stück verrechnet werden, sind bei der
Prozesskostenrechnung nur die individuell in Anspruch genommenen
Prozesse relevant. Das bedeutet, bei der Zuschlagskalkulation sind
die Selbstkosten pro Stück konstant. Kleinere Aufträge oder
Losgrößen werden mit zu wenig Gemeinkosten belastet und größere
Aufträge mit zu hohen Gemeinkosten. Die Prozesskosten pro Stück bei
Abwicklungs-, Materialbeschaffungs-, oder Fertigungsprozessen
verringern sich jedoch bei größeren Produktionsmengen. Der Aufwand
für die Abwicklung eines Kundenauftrages, z.B. Auftragsannahme ist
in der Regel immer gleich hoch, egal ob es sich um eine größere oder
kleinere Bestellmenge handelt.
Mit den Daten von Produkt A aus dem obigen Beispiel soll in
nachstehender Tabelle der
Degressionseffekt nochmals in Zahlen verdeutlicht werden, wobei hier
nur die Vertriebsgemeinkosten betrachtet werden. Es werden wieder
60,- € Vertriebsprozesskosten veranschlagt, un-abhängig, ob die
Größe des Auftrages 1 oder 20 Stück enthält.
Tabelle 4: Degressionseffekt, alle Angaben in €
|
Stück
pro Auftrag |
Zuschlagskalkulation
Zuschlagssatz VGK = 12 % |
Prozessorientierte
Kalkulation
Vertriebsprozesskosten 60,- |
|
|
HK |
VGK |
Stückkosten |
HK |
VPK |
Stückkosten |
|
1 |
190 |
23 |
213 |
190 |
60 |
250 |
|
10 |
1.900 |
230 |
2.130 |
1.900 |
60 |
1.960 |
|
15 |
2.850 |
345 |
3.195 |
2.850 |
60 |
2.910 |
|
20 |
3.800 |
460 |
4.260 |
3.800 |
60 |
3.860 |
Bei
der relativ geringen Auftragsmenge von einem Stück werden dem
Produkt – im Vergleich zur prozessorientierten Kalkulation - 37 € zu
wenig und bei der relativ großen Auftragsmenge von 20 Stück dem
Produkt 400 € zu viel belastet.
Je
unterschiedlicher die Ausprägungsvarianten und
Produktdiversifikationen in einem Unternehmen sind, desto deutlicher
wird die Kostenverzerrung zwischen herkömmlicher
Zuschlagskalkulation und prozessorientierter Kalkulation.
Besonders deutlich wird dieser Unterschied wenn folgende Situationen
in einem Unternehmen gegeben sind. (7)
- viele oder wenige Rohstoffe
- Standardprodukte oder Spezialprodukte (z.B. Auftragsfertigung)
- geringe oder hohe Fertigungstiefe
- Großserien-, oder Kleinserienproduktion
- wechselnder oder stabiler Kundenkreis
- erklärungsbedürftige oder weniger erklärungsbedürftige Produkte
Jedoch lassen sich nicht die gesamten Gemeinkosten
verursachensgerecht mittels der Prozesskostenrechnung auf die
Kostenträger weiterverrechnen, sondern nur die Gemeinkosten der
Bereiche Beschaffung, Fertigung, Auftragsbearbeitung sowie dem
Versand. So können Kundenabwicklungs-, und Versandprozesse nur in
eine Ergebnisrechnung, eine Angebotskalkulation oder Nachkalkulation
einfließen. Bei bestimmten Tätigkeiten muss die
Prozesskostenrechnung dem gleichen Vorwurf standhalten wie die
Zuschlagskalkulation, dass sich die leistungsmengenunabhängigen
Prozesse nicht plausibel auf die Kostenträger verrechnen lassen. Es
handelt sich um Tätigkeiten wie „Abteilung leiten“, „Umsätze planen“
oder sich nicht ständig wiederholenden Tätigkeiten. Je höher der
Anteil der leistungsmengenunabhängigen Prozesse ist, desto größer
sind auch bei der Prozesskostenrechnung die Verfälschungen bei der
Verrechnung von Gemeinkosten. (8)
Quellen:
(1)
Vgl. Mayer, Konzeption und Anwendungsgebiete der
Prozesskostenrechnung, krp- Sonderheft, 3/2003/S.30
(2)
Vgl. Olfert, Klaus, Kompendium der praktischen Betriebswirtschaft,
Kostenrechnung, 1999, S. 198
(3)
Vgl. Gehrhart Förschle, Manfred Kropp, Kostenrechnung, Betriebliches
Rechnungswesen und Kalkulation, 1999, S 84 (4) Gehrhart Förschle,
Manfred Kropp, Kostenrechnung, Betriebliches Rechnungswesen und
Kalkulation, 1999, S 86
(5) Vgl. J. N. Stelling, Die Kalkulation in kleinen und mittleren
Unternehmen an Hand der Zuschlagskalkulation und der
Prozesskostenrechnung, Diskussionspapier der Hochschule Mittweida,
1998/01, S. 13 (6) Coneneberg, und Fischer beschrieben erstmals
die Effekte der Prozesskostenrechnung in ihrem Werk,
Prozesskostenrechnung - Strategische Neuorientierung in der
Kostenrechnung 1991, S.31-33
(7) Horváth, Mayer, Prozesskostenrechnung- Konzeption und
Entwicklung, 1993, S. 24
(8) S.Braun, Die Prozesskostenrechnung- Ein fortschrittliches
Kostenrechnungssystem?, 1999, S. 86
|
|
|